Medellín

Über die Berge nach Norden
Nach dem Frühstück packten wir zusammen und verließen unsere "Relax Station" der letzten zwei Tage. Durch das Tal fuhren wir zurück auf die Panamericana in Richtung Medellín.
Die Straßen in Kolumbien sind grundsätzlich gut ausgebaut und dafür wird in regelmäßigen Abständen Maut kassiert. Es geht immer auf und ab und eine Kurve nach der anderen. So viel gelenkt hatten wir bis dato in ganz Südamerika noch nicht. Baghira freut es und es gibt viel "Beute" zu holen - sprich Lkws, Autos, Mopeds etc. zum Überholen. ;-)
Über die Kordillere nach Medellín
Medellín liegt in einem Talkessel und man muss über Berge, um dorthin zu kommen. Wir schraubten uns auf gut 2.000 hm hoch und fuhren quasi am Bergrücken entlang mit herrlichen Ausblicken auf die Täler.
Als wir nach Medellín hinunterfuhren, kam der obligatorische Nachmittagsregen - und diesmal heftig. Zeitweise schüttete es wie aus Kübeln. Als wir die Stadt erreichten, ließ der Regen nach.
Unserem Quartier näherten wir uns vorsichtig und langsam an, denn auf den zwei mal drei Spuren versäumten wir die richtige Ausfahrt, so fuhren bzw. stauten wir uns im Nachmittagsverkehr knapp zwei Kilometer Richtung Zentrum und dann wieder zurück. In der Mitte läuft ein Fluss - fast ein wenig wie am Donaukanal, nur deutlich größer dimensioniert.
Feines Quartier für Baghira und uns
Diesmal hatten wir ein Airbnb ausgesucht, welches schon von anderen Overlandern genutzt worden ist. Im feinen Viertel Poblado mit Parkplatz für Baghira und Pool sowie Whirlpool für uns.
Einen geeigneten Parkplatz zu finden, ist in einer Stadt nicht immer einfach, da die Hotels meist Garagen haben und die für uns meistens zu niedrig sind.
"Brutal" zu Abend essen
Am Abend hatte der Regen aufgehört und wir gingen bei angenehmen Temperaturen – hier auf 1.600 hm - Abendessen.
Das Lokal Brutal war 5 min uns Eck und wir aßen ausgezeichnet!
Stadttour durch Medellín
Für den nächsten Tag hatten wir eine "free walking Tour" bei Real City Tours gebucht. Man bezahlt bei diesen Touren "nur" mit Trinkgeld, das heißt wem die Tour gefällt, zahlt den von den Guides empfohlenen Betrag. Dieses Konzept ist sehr angenehm, da sich die Guides natürlich bemühen, die Erwartungen der Gäste zu erfüllen.
Mit einem Uber fuhren wir ins Zentrum. Beim Treffpunkt der Tour wurden wir einem lokalen Guide zugeteilt. Er fragte nach unseren Namen und stellte sich auch uns vor. Wir waren ca. 20 "Gringos" aus unterschiedlichsten Ländern.
Beim ersten Stopp setzten wir uns auf Stufen und wurden alle vom Guide mit unseren Namen begrüßt. Er hatte sich alle 20 Namen gemerkt - sensationell - und als er uns nach seinem Namen fragte … Funkstille ... nicht nur wir, keiner hatte sich seinen außergewöhnlichen Namen gemerkt. Oh, wie peinlich. Er selbst stolperte nicht mal bei Gottfried aus Österreich!
Sein "Spitzname" ist jedenfalls Dio - eine Abkürzung von – tja, das haben wir leider wieder vergessen. ;-)
Die Geschichte von Medellín und Stories aus der Zeit von Voldemort
Zuerst erklärte er uns die Geschichte der Stadt von den Spaniern bis heute. Hier in Medellín gab es kein Gold, daher waren die Spanier zuerst nur kurz da. Danach siedelten sie sich aufgrund des Klimas an - Medellín wird nicht umsonst "die Stadt des ewigen Frühlings" genannt.
Dann kam der Aufschwung Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Ausfuhr von Kaffee und dazu der Bau des Schienennetzes für den Transport. Die von den Jesuiten eingeführten Kaffeepflanzen fanden hier ein ausgezeichnetes Klima für den Wuchs vor und angebaut wurde hauptsächlich hochwertiger Arabica-Kaffee.
Ein großer Teil wurde natürlich dem dunkelsten Kapitel der Stadt, von den 70er bis 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, gewidmet. Den Namen des Drogenbosses Pablo Escobar nannte der Guide nicht. Er sprach mit uns auf Englisch und da viele Kolumbianer kein Englisch sprechen, vermied er es diesen Namen zu erwähnen, da nach wie vor unterschiedliche Meinungen dazu herrschen. Er nannte ihn daher "Voldemort" ..
Dem Drogenboss, dem Krieg der Kartelle, sowie den paramilitärischen Einheiten und der Polizei fielen damals über 40.000 Menschen zum Opfer. Dio war in dieser Zeit aufgewachsen und kam als Sechsjähriger zwischen die Fronten. Er erzählte uns, wie viele seiner Verwandten und Freunde starben - es muss schrecklich gewesen sein. Dio ist im Alter unseres Sohnes .. einfach unglaublich diese Geschichten zu hören.
Von der gefährlichsten zur aufstrebenden Stadt
Medellín war damals die gefährlichste Stadt des Planeten, wie Dio sie bezeichnete. Langsam schaffte die Stadt aber die Transformation, indem die "illegalen Siedlungen" am Rand auf den Berghängen in die Stadt integriert wurden. Zudem wurden sie an den öffentlichen Verkehr – unter anderem mit Seilbahnen - angebunden und es wurden Schulen und öffentliche Bibliotheken gebaut.
Dies führte zu einer deutlichen Stärkung der Sicherheit und Erhöhung der sozialen Standards. Natürlich hat Medellín die Probleme vieler Großstädte - es leben über 2,6 Mio. Menschen in der Stadt und 1,6 Mio. im Umfeld - aber die eingeschlagene Richtung stimmt.
Wir drehten eine Runde durchs Zentrum und bekamen viele Erklärungen. Es sind überall Statuen des einheimischen Künstler Fernando Botero ausgestellt. Botero wurde 1932 in Medellín geboren und starb 2023 in Monaco. Alle seine Figuren haben überzeichnete Proportionen und sind eher dicklich. ;-) Er schenkte seine Kunstgegenstände der Stadt mit der Bedingung, sie öffentlich zugänglich zu machen.
Im Jahr 1995 wurde in einer seiner Figuren Sprengstoff zur Explosion gebracht. Am Parque San Antonio, dem Festgelände der Stadt, starben während eines Konzertes mehrere Menschen und eine große Anzahl wurde verletzt. Die Stadt wollte die Statue entfernen, aber Botero war dagegen. Geschichte - wenn auch negativ - soll nicht zur Gänze aus dem Blickfeld der Menschen verschwinden. Heute steht neben der zerstörten Statue eine Neue. Ein Symbol für die dunklen Stunden und eins für den Aufbruch der Stadt.
An historischen Gebäuden gibt es im Zentrum einige Kirchen, Kolonialbauten gibt es fast keine mehr. Aber ein paar schöne Gebäude, wie das ehemalige Justizministerium aus dem frühen 20 Jahrhundert, gibt es dann doch. Heute befindet sich im Palacio National ein Einkaufszentrum mit Kunstgalerien in den oberen drei Stockwerken. Claudia positionierte sich gleich neben einem Gemälde mit einem Motiv einer griechischen Insel.
Seilbahnfahrt in die Comuna 8
Nach dem Ende der Tour fuhren wir noch mit der Straßenbahn zur Station Miraflores und dann mit der Seilbahn auf den Hügel der Comuna 8. Von dort hatte man einen guten Ausblick auf die riesige Stadt mit ihren vielen Wolkenkratzern und den verbauten Hügeln unter einer leichten Smogglocke.
Baghira meets Tako
Als wir am Nachmittag ins Airbnb kamen, war die Überraschung groß, als wir Tako - das Auto der Swiss Nomads - neben unserer Baghira stehen sahen. Wir folgen ihnen bereits lange auf Instagram und zuletzt auch auf der App Polarsteps.
Über diese App schafften wir es dann auch, uns in dem netten Aufenthaltsbereich zu treffen und plauderten gut zwei Stunden. Die beiden sind "Vollzeit-Reisende" und machen viele unterschiedliche Touren – nicht nur mit dem Auto, auch auf Weitwanderwegen uvm. So schön Reni und Marcel kennengelernt zu haben!
Gourmet-Essen vom Feinsten
Am Abend gingen wir ins Lokal Alambique zum Essen - eine Empfehlung von Dio. Es war nicht nur sehenswert fürs Auge angerichtet, es schmeckte auch vorzüglich. Eine Tomatensuppe, warm serviert und in der anderen Hälfte der Tasse eine kalte Avocadocreme, schwarze Tacos mit Meeresfrüchten, geschmortes Rindfleisch mit köstlichen Beilagen und dazu ein süffiger Malbec aus Chile - Gourmet, was willst du mehr!
Illegale Heimfahrt
Das Lokal war zwar nur knapp zwei Kilometer von unserer Unterkunft entfernt, aber wir entschieden uns für den Heimweg mit einem Uber. Am Nachmittag hatten wir bei Uber eine Premiere: erstmals fuhr uns eine "Lenkerin". Sie bat uns, dass einer von uns vorne sitzen sollte - dies ignorierten wir aber, da wir grundsätzlich in Taxis hinten sitzen. Als der Lenker am Abend ebenfalls meinte, einer sollte vorne sitzen, hinterfragte Claudia dies. Einfache Antwort des Lenkers: Uber ist in Kolumbien illegal ..
Ok, wieder was gelernt. Tja, und auch der Kokablätter-Anbau sowie die Kokain-Erzeugung ist illegal - trotzdem produzieren sie hier 70% des Weltmarktes, wie wir heute gehört haben. Da werden unsere drei illegalen Uber-Fahrten nicht ins Gewicht fallen. ;-)